Anmerkungen zu Kriegspolitik und Widerstand in den USA

von Rudi Friedrich

US-Deserteur Joshua Key berichtet: "In den Augen unserer Armee waren die Iraker keine Menschen, sondern Terroristen, Selbstmordattentäter, Sandnigger und Lumpenköpfe. Wir mussten sie geringer achten als Menschen, um überhaupt zu unseren Taten fähig zu sein." in seinem gerade erschienenen Buch1 beschreibt er in aller Ausführlichkeit sein Leben als Soldat im Irakkrieg. Wo auch immer er eingesetzt war, gibt er detailliert wieder, wie US-amerikanische Soldaten wieder und wieder willkürlich Menschen umgebracht, die irakische Bevölkerung schikaniert und gedemütigt haben. "Wenn wir einen ungerechten Krieg führen oder uns in einem Krieg unmoralisch verhalten, so sind diejenigen, die das Pech haben, uns in die Hände zu fallen, die ersten Opfer", schreibt Joshua Key und er ergänzt aus seinen eigenen Erfahrungen: "Die zweiten Opfer sind wir selbst. Jedes Mal, wenn wir gegen unsere Überzeugungen handeln, beschädigen wir uns selbst, und das Unrecht, was wir tun, lastet schwer auf uns, bis zu unserem Tod."

Wer das Buch liest, wundert sich nicht mehr darüber, dass es im Irak Widerstand gegen die alliierten Truppen unter Führung der USA und Großbritanniens gibt. Gar zu offensichtlich führen sich diese Einheiten wie die Herren in einem besetzten Land auf. Was angesichts des Buches von Joshua Key noch mehr ins Auge fällt: Der Widerstand gegen die Besatzungstruppen ist womöglich stärker verankert, als dies der Öffentlichkeit präsentiert wird. Es ist kein Frontenkrieg, es ist ein Krieg, in dem überall zu jeder Zeit Kämpfe ausbrechen können.

In den Nachrichten nehmen wir davon nur einen Bruchteil wahr. Vor allem wird immer wieder über die bürgerkriegsähnlichen Zustände berichtet. Sie sind davon geprägt, dass sunnitische Freischärler in vorwiegend von Schiiten bewohnten Landesteilen Anschläge verüben und umgekehrt. Auch sie haben kein Interesse zwischen Kämpfenden und Zivilisten zu unterscheiden. Die Ziele der Freischärler sind der Rückzug der Besatzungstruppen und die Verbesserung der eigenen Machtposition, um die Vorherrschaft in der Region ausüben zu können. Nur die kurdischen Fraktionen im Norden des Irak sehen ihre Position bislang noch am besten durch die Alliierten gestärkt, die ihnen eine gewisse Autonomie innerhalb des Staatsgebildes zugestehen.

Keineswegs ist es der US-Regierung und den Alliierten gelungen, die Lebensverhältnisse der Bevölkerung zu verbessern, geschweige denn eine funktionierende Demokratie umzusetzen. Vielmehr werden derzeit zwei Kriege geführt: ein Bürgerkrieg und ein Krieg gegen die Besatzungstruppen, die beide auf dem Rücken der irakischen Bevölkerung ausgetragen werden.

Für die Soldatinnen und Soldaten der Besatzungstruppen hat diese Situation erhebliche Konsequenzen: "Mit den unüberschaubar an der Straße gelegenen Bomben und Hinterhalten, Zivilisten, die wie Aufständische aussehen und Aufständischen, die wie Zivilisten aussehen, hat der Irakkrieg praktisch die Unterscheidung zwischen kämpfenden Einheiten und Unterstützungseinheiten im Militär aufgehoben. Das gilt übrigens ebenso für den Krieg in Afghanistan. ’Offen gestanden’, sagt Matthew Friedman, Leiter des Nationalen Zentrums für PTSD2, "eines der gefährlichsten Dinge, die du im Irak tun kannst, ist es, einen Lastwagen zu fahren. Und das wird als Unterstützungstätigkeit der kämpfenden Truppe angesehen.’"3 Die Besatzung hat bislang fast 3.800 Tote bei den alliierten SoldatInnen gefordert.4 Und es gibt eine sehr hohe Zahl, die posttraumatische Erlebnisse haben, in Alpträumen Gewaltsituationen wieder erleben, sich auch nach ihrer Rückkehr in den USA wie im Krieg fühlen, Räume voller Menschen als Bedrohung erleben oder in ihrer Depressivität und Verzweiflung zu Alkohol und Drogen greifen. Die US-Bundesabteilung für Veteranen merkt an, dass seit letztem November mehr als ein Drittel der VeteranInnen aus dem Irak und Afghanistan, die behandelt worden sind, als PTSD-Fälle gelten: ca. 34.000, unter ihnen 3.800 Frauen. Auch Joshua Key ist ein Betroffener: "Die zweiten Opfer sind wir selbst."

Katastrophale Lage im Irak

Anthony Arnove, Journalist und Autor des Buches "Die Logik des Rückzugs" zog nach vier Jahren Krieg im März 2007 ein vorläufiges Resumee. Die Zahl der Opfer unter den Zivilisten im Irak geht in die Hunderttausende. Allein im Oktober 2006 wurden mehr als sechstausend Zivilisten getötet, zumeist in Bagdad. Zusätzliche US-Truppen, so Arnove, "sollten Ordnung und Stabilität bringen. Am Ende heizten sie die Gewalt lediglich an." Der Berichterstatter der Vereinten Nationen, Manfred Nowak, erklärte, dass die Anwendung von Folter im Irak "völlig außer Kontrolle" geraten ist. "Die Situation ist so schlimm, dass viele Menschen sagen, dass es schlimmer sei als zu den Zeiten von Saddam Hussein."5

Ein immer geringerer Teil der Bevölkerung kann sich ausreichend mit Grundnahrungsmitteln versorgen. Die Preise für Lebensmittel, Gas, Öl und Elektrizität sind sprunghaft angestiegen. Die Arbeitslosigkeit liegt zwischen 50% und 70%. Die wirtschaftliche Lage ist desaströs.

"Nirgendwo auf der Erde gibt es eine größere Flüchtlingskrise als heute im Irak."6 Nach Angaben des UNHCR flohen fast zwei Millionen aus dem Irak in die angrenzenden Länder Jordanien, Syrien, Türkei und Iran. Einigen gelang auch die Flucht nach Westeuropa. Weitere 1,9 Millionen gelten als Vertriebene im eigenen Land.

Angesichts dieser Situation wird der Krieg in den USA zunehmend abgelehnt. Nach neuesten Umfragen unterstützen nur noch 30% der US-Amerikaner den Irakkrieg.7 Zunehmend werden Stimmen laut, die einen Rückzug fordern. Während die Demokratische Partei Szenarien entwickelt, dies im nächsten Jahr umzusetzen, sagen Aktive der Friedensbewegung wie Lori Hurlebaus von Courage to Resist "Ich gehe nicht davon aus, dass sich durch eine Regierungsübernahme durch die Demokraten der Kurs der US-Außenpolitik tatsächlich ändert." Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt Ronald Steel, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität von Südkalifornien. Die Ziele von Bush hätten mit denen der Vorgängerregierungen weitgehend übereingestimmt: den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen sichern, ein Netz von Stützpunkten für die Luftwaffe schaffen, Amerikas Verbündete in der Region beschützen und ein Bollwerk gegen radikale Bewegungen aufrechterhalten. Es sei von den Demokraten daher nicht viel mehr als "einschmeichelnde Rhetorik" zu erwarten.8

Hoffnung auf eine grundsätzlichere Änderung der US-Außenpolitik beruht auf einem breiteren und größeren Widerstand in den USA selbst, wie Anthony Arnove schreibt: "Das Desaster, das die USA im Irak erzeugt, wird von Tag zu Tag schlimmer und die Auswirkungen werden noch lange nachwirken. Wie lange sie andauern und wie weit sie sich jenseits des Irak ausweiten, hängt davon ab, wie schnell unsere Regierung dazu gezwungen werden kann, die Besatzung zu beenden."9

"Krieg gegen den Terror"

Der Krieg im Irak wird von der US-Regierung unter Präsident Bush als Teil des "Krieges gegen den Terror" begriffen. Diesen hatte er kurz nach dem 11. September 2001, nach den verheerenden Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon ausgerufen. Innerhalb weniger Tage erklärten viele westlich orientierte Staaten, aber zum Beispiel auch Russland, ihre Bereitschaft, sich an einem solchen Krieg zu beteiligen. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach davon, dass die zivilisierte Welt zusammenstehen müsse. Wenige Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center stürzte eine Allianz unter Führung der USA das Taliban-Regime in Afghanistan und hält das Land seitdem besetzt. Zugleich rief die NATO den Bündnisfall aus und startete die "Operation Enduring Freedom" am Horn von Afrika. Seit vier Jahren führt eine Allianz unter Führung der USA und Großbritannien einen Krieg im Irak - auch mit deutscher Unterstützung. Etwa 70 Länder beteiligen sich an den verschiedensten militärischen Aktionen.

Für die Bevölkerung in den USA waren die Anschläge vom 11. September ein Schock. Die Kriege fanden bis dahin andernorts statt: in Somalia, Haiti, ehemaliges Jugoslawien oder dem Irak. Deshalb sah sich bis dahin die Bevölkerung in den USA nicht selbst bedroht. Die Anschläge sorgten jedoch dafür, dass ein von der US-Regierung propagierter Patriotismus in Verbindung mit einem Feindbild Islam um sich griff. Ein Aktiver von Iraq Vets Against the War (Irakveteranen gegen den Krieg) schilderte, wie ihn diese Stimmung erfasste: "Es war der 11. September. Als New Yorker sah ich die Menschen an diesem Tag. Zu der Zeit kannte ich Präsident Bush nicht. Er erschien dann im Fernsehen und sagte: ’Jeder Mann sollte zwei Jahre für sein Land geben.’ Da sagte ich mir: ’Weißt du was, der Dandy hat Recht.’"10 Er war so sehr schnell zu überzeugen, dass es zwingend notwendig sei, den Krieg gegen die Terroristen aufzunehmen.

Auch innerhalb der Armee gab es zunehmende Zustimmung zum Kriegskurs der US-Regierung. Wie USA Today berichtet, ging die Zahl der Desertionen bzw. die Fälle unerlaubter Abwesenheit nach dem 11. September 2001 schlagartig zurück. Sie fiel auf etwa die Hälfte - von ca. 8.000 auf 4.000 pro Jahr.11

Mit dem "Krieg gegen den Terror" hat die USA die internationalen Beziehungen in bedeutendem Maße militarisiert. Die US-Regierung setzte sich als einzige Hegemonialmacht an die Spitze einer weltweiten Ordnungspolitik, die mit militärischen Mitteln eigene Interessen durchzusetzen versucht.

Widersprüche der US-Außenpolitik

Vielfach wird argumentiert, der Irakkrieg werde in erster Linie wegen der dort lagernden Ölvorkommen geführt. Hinter der militärischen Intervention stehe folglich ein rationales ökonomisches Kalkül. Zwar haben angesichts der knapper werdenden Ressourcen und dem weltweit steigenden Verbrauch fossiler Brennstoffe die Öl- und Gasreserven des Irak sicher eine Rolle beim Entscheidungsprozess zugunsten des Krieges gespielt. Aber bei solch einer Argumentation bleibt unberücksichtigt, dass ohne weiteres die Mögllichkeit bestanden hätte, mit dem Regime von Saddam Hussein ein Abkommen zu treffen, das die Bereitstellung der Ressourcen zugunsten des Westens sichergestellt hätte. Der Irak hätte gewiss Öl geliefert - und zwar auch zugunsten von Ölmagnaten in den USA. Die Tatsache, dass Saddam Hussein einer Diktatur vorstand, die mehrere Kriege geführt hatte und in der Tausende in den Kerkern verschwanden, hatte die US-Regierungen in der Vergangenheit nie gestört und der gegenwärtige Umgang mit anderen diktatorischen Regimen zeigt an, dass sich daran bis heute nichts geändert hat.

Die anderen für den Krieg genannten Gründe, der Irak habe Massenvernichtungswaffen und unterhalte Verbindungen zu Al-Qaida, erwiesen sich schnell als Lüge. Dennoch stürzte sich die US-Regierung in einen Krieg, ohne viel Gedanken auf die Nachwirkungen der Eroberung zu verschwenden.12

Nach der Eroberung des Irak versuchte die US-Regierung, ihre Vorstellung eines Neoliberalismus durchzusetzen. "Der US-Prokonsul wies mit einigen hundert Erlassen an, dass 200 irakische Staatsbetriebe und Banken privatisiert werden müssen. Michael Meacher kommt so zu dem Ergebnis: "Zusammen legen sie die wirklichen Motive der USA im Irak dar, abgesehen von der Kontrolle über die Ölförderung, namentlich die Pflicht zur Umsetzung einer neoliberalen kapitalistischen Wirtschaftsform, die von transnationalen US-Unternehmen kontrolliert und betrieben wird."13

Die Frage sei erlaubt: Hätte die US-Regierung dies nicht auch anders erreichen können? Es waren sehr wohl vielschichtigere Gründe, die zu einem Krieg geführt haben, der inzwischen in den USA von vielen als verloren angesehen wird. War er motiviert durch einen Sohn, der die Aufgabe seines Vaters zu Ende bringen wollte? Der Vater George Bush hatte Anfang der 90er Jahre durch die US-Truppen zwar die irakischen Truppen aus dem Kuwait vertreiben können, hatte sich aber gehütet, sie in den Irak selbst einmarschieren zu lassen. Zu unsicher erschienen die Perspektiven. Was trieb nun den Sohn tatsächlich an?

Es hat etwas messianisches, wie George W. Bush den "Krieg gegen den Terror" als ein Krieg der Guten gegen das Böse stilisiert. Er spiegelt eine Stimmung in den USA wider, die die Historiker John Foran und Joe Conti als "amerikanischen Nationalismus" beschreiben, gespeist aus Protestantismus und Neokonservatismus. Damit verbunden sei die Formel der "von Gott auserwählten Menschen" und eine Sicht der Geschichte, in der es unvermeidlich zum Sieg der USA (den Guten) über den Teufel kommen werde. Das schließt ein, militärische Gewalt gegen andere Länder immer dann einzusetzen, wenn eigene Interessen tangiert werden. Eine solche Position findet sich auch in der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA: "Wir werden nicht zögern, alleine zu handeln, wenn es notwendig ist und unser Recht auf Selbstverteidigung durch Präventivschläge gegen Terroristen ausüben."14

Schon nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde deutlich, dass die US-Regierung keine andere Option in Betracht zog, als militärisch zu reagieren: gegen das Talibanregime in Afghanistan. Andere Optionen wurden nie diskutiert oder in Erwägung gezogen. Scheinbar rational wurde auf die militärische Karte als Antwort auf die Gewalt der Anschläge gesetzt. Und was liegt näher für die Regierung einer militärischen Supermacht wie den USA?

Die andere Seite dieser Politik sind die enormen Kosten, die mit dem Krieg verbunden sind. Seit Beginn des Krieges haben allein die USA über 422 Milliarden US-Dollar dafür aufgewendet.15 "Mit den steigenden Kosten dieser Kriegspolitik rutscht die US-Ökonomie weiter in einen Schuldenberg, was ein wachsendes Risiko für eine schwere Krise der USA und der Weltwirtschaft darstellt", folgern Conti und Foran. Als Perspektive einer der US-Kriegspolitik zeichnen sie ein düsteres Bild für die USA. Eine imperialistische Supermacht USA würde von allen gehasst werden: "Letztlich würden US-AmerikanerInnen auch bei sich zu Hause in einer Welt des Krieges leben und einer Welt voller Armut. Das lebendige Amerika - das produktive Arbeit, Kultur und Freizeit kennt, in dem Kinder groß gezogen werden, die darauf hoffen können, ihr eigenes Leben zu leben - all das würde der Vergangenheit angehören. Die US-amerikanische Demokratie würde aufhören zu existieren, wenn es eine Welt gibt, wo nur die Fittesten überleben. Es wäre eine schreckliche Art des Überlebens."16

Deutsche Beteiligung

Die Bundeswehr ist im weltweiten "Krieg gegen den Terror" in vielen Bereichen aktiv: Beteiligung am Krieg in Afghanistan, Einsatz des KSK, Beteiligung an der "Operation Enduring Freedom", Unterstützungsleistungen bei der Stationierung ausländischer Truppen usw. In dieser Broschüre beschreibt dies ausführlich Tobias Pflüger, der daraus folgert, dass sich "Deutschland so zu einem eigenständigen Akteur im ?Krieg gegen den Terror’ mausern wird".

Geändert hat sich auch die Rekrutierungspraxis der Bundeswehr. Gefordert sind nun wesentlich mehr Freiwillige, die sich bereit erklären, im Ausland Dienst zu leisten. Für entsprechenden Druck sorgen zum einen wirtschaftliche Zwänge, die durch die neoliberalen Reformen systematisch verschärft wurden. Dafür sorgt aber auch eine immer noch bestehende Wehrpflicht. Inzwischen wirbt die Bundeswehr auch in Schulen, Arbeitsagenturen und Rathäusern für die "Karriere in der Bundeswehr"17.

Mit dem "Krieg gegen den Terror" wurden in allen westlichen Staaten weitreichende Beschlüsse zum Abbau der Bürgerrechte beschlossen. Die Legitimation für Geheimdienste, selbst Anschläge auszuüben, die Lockerung des Datenschutzes und Bankgeheimnisses, erweiterte Kontrollen auf Flug- und Bahnhöfen, zentrale Speicherungen der Daten von Nicht-EU-Bürgern durch die Europäische Union, völkerrechtswidrige Inhaftierungen z.B. in Guantanamo durch die USA, Liquidierungen von angeblichen Terroristen in Afghanistan - diese keineswegs umfassende Liste zeigt an, dass zunehmend demokratische Institutionen und Verfahren außer Kraft gesetzt werden. Dies alles soll angeblich den Bürgern ein Gefühl der Sicherheit vermitteln.

Am deutlichsten spürbar sind in Deutschland die Folgen der weltweiten Militarisierung im Bereich der Innenpolitik. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die vor wenigen Wochen von Innenminister Schäuble ausgerufene Warnung, US-Einrichtungen und Bürgern der USA drohten in Deutschland Anschläge. Solche Warnungen haben bereits in den USA eine Atmosphäre des Misstrauens und der Angst geschaffen. Solch eine Atmosphäre ist nicht allein eine Folge des "Krieges gegen den Terror", sie schafft auch Bedingungen, die seine Fortsetzung als unverzichtbar erscheinen lassen. Die allgemeinen Verdächtigungen, der Islam stehe dem Terrorismus nahe, führt nicht nur zu erhöhter Aufmerksamkeit, sondern macht alle und alles verdächtig, die sich nicht in einer ’christlich-europäischen Wertegemeinschaft’ integrieren lassen. Vermutungen werden nur allzu leicht zu Verdächtigungen. Was anfangs als Verdachtsmomente in das Blickfeld von Geheimdiensten und Innenmininsterium gerät, wird zu Gefahrenrisiken, die als "Gewissheiten" von den Medien veröffentlich werden und Angst vor vermeintlichen Feinden schüren. Es ist ein verheerender Kreislauf, der Vorurteile aufbaut, statt abbaut, der spaltet, statt versöhnt. Und ein solcher Kreislauf hat weitere Folgen: den Ruf nach einer Stärkung sogenannter Sicherheitskräfte, die Bewertung demokratischer Rechte als Sicherheitsrisiko, Krieg im Namen der Befriedung und Demokratisierung und die Legitimierung von Gewalt - all das kann die Spirale von Hass und Gewalt nur weiter treiben.

Schon heute lassen sich ganz praktische Auswirkungen dieser Politik beobachten: Wer mit dem Zug zum Beispiel über Würzburg fährt und dort eine Weile auf den Anschlusszug warten muss, wird schnell feststellen, dass die Bundespolizei dort ständig aktiv ist. Je zwei Beamte kontrollieren zwischen der Ankunft und der Abfahrt der Nahverkehrszüge, das heißt in einem Zeitraum von ca. 20 Minuten, den Bahnsteig und gehen anschließend durch die Züge selbst. Sie suchen nach farbigen Menschen. Sie kontrollieren alle, die nach ihren Kriterien vermutlich nicht-deutsch sind.

Dies ist Folge der Gesetze zur Terrorismusbekämpfung, die der Bundespolizei eine verdachtsunabhängige Kontrollmöglichkeit in Bahnhöfen zusichert. Die Wirkung kann nicht anders als rassistisch benannt werden: alltägliche Realität in Deutschland.

Widerstand in den USA

In den letzten Jahren wurden immer wieder Verweigerer und SoldatInnen verurteilt, die zeitweise die Armee verlassen hatten oder Befehle verweigerten: Kevin Benderman erhielt die bislang höchste Haftstrafe von 15 Monaten18, der in Deutschland stationierte Befehlsverweigerer Blake Lemoine war zu sieben Monaten Haft verurteilt worden19, der zeitweise unerlaubt abwesende Kriegsdienstverweigerer Camilo Meija zu einem Jahr Haft20. Sie alle hatten ihre Entscheidung getroffen, zum Teil aufgrund ihrer Erfahrungen während des Einsatzes im Irak.

Insgesamt hat die US-Armee etwa 700.000 SoldatInnen.21 USA Today spricht von jährlich etwa 4.000 Fällen von unerlaubter Abwesenheit und Desertion seit 2002.22 Viel weniger stellen einen Antrag als Kriegsdienstverweigerer: etwa 100 pro Jahr. Noch nicht einmal die Hälfte der Antragsteller wird anerkannt.23 Das zeigt auf, dass die Zahl der Verweigerer alleine dem US-Militär sicherlich keine ernsthaften Probleme bereitet. Desertion ist derzeit noch eine Randerscheinung, die es auch in Friedenszeiten in einem ähnlichen Ausmaß gegeben hat.

Dass der Widerstand in den USA gegen die Kriegspolitik wächst, wird in dieser Broschüre dokumentiert. Er drückt sich nicht nur in den Umfragewerten aus, sondern auch in zahlreichen Aktivitäten. Viele dieser Ansätze in den USA sind davon geprägt, dass sie die Illegalität und die völkerrechtswidrigen Handlungen des Krieges betonen. Das ist zweifellos richtig. Aber wäre ein Irakkrieg besser, wenn er international legitimiert wäre? Howard Zinn, selbst Soldat im II. Weltkrieg und ein bekannter kritischer Historiker in den USA hat seine eigene Antwort dafür: "Als ich aus dem Krieg zurückkam, hatte ich gesehen, dass Krieg jeden korrumpiert, der daran teilnimmt. Ich kam zu dem Schluss, dass Krieg alle vergiftet."

Besonderes Gewicht bei den Antikriegsaktivitäten ist sicherlich den Soldaten und Soldatinnen zuzumessen, die nach ihrem Einsatz im Irak oder Afghanistan öffentlich ihre Stimme gegen den Krieg erheben. Aimee Allison stellte in ihrer Arbeit gegen die Rekrutierungsbemühungen des US-Militärs fest, "dass die Veteranen die mächtigste Stimme gegen die Rekrutierung sind, die es gibt. Sie können aus ihrer Perspektive sehr glaubwürdig ihre Erfahrungen im Militär und Krieg darlegen." US-Verweigerer wie Kevin Benderman, Joshua Key, Agustín Aguayo oder Marc Train gehen dabei mit ihren öffentlichen Erklärungen ein großes Risiko ein. Sie brauchen Unterstützung, auch auf internationaler Ebene. "Das hat großen Einfluss auf ihre Behandlung durch die Armee", erklärte Lori Hurlebaus von Courage to Resist. "Zudem ist dies einer der besten Wege, die Antikriegsbewegung in den USA zu unterstützen und sich für eine Beendigung der Kriege einzusetzen."

Fußnoten

1. Joshua Key: Ich bin ein Deserteur. Mein Leben als Soldat im Irakkrieg und meine Flucht aus der Armee, Hoffman und Campe, Hamburg 2007

2. Post Traumatic Stress Disorder

3. Sara Corbett: the Women’s War, New York Times Magazin, 18. März 2007

4. nach Wikipedia, Stand: 28. April 2007

5. zit. nach Anthony Arnove: Four Years Later. 18. März 2007. www.tomdispatch.com/index.mhtml?pid=176493

6. Anthony Arnove aaO

7. CNN: Poll: Support for the Iraq War deteriorates. 19. März 2007. www.cnn.com/2007/POLITICS/03/19/iraq.support/index.html

8. Ronald Steel: An Iraq Syndrome?; in: Survival (USA), Vol 49, No 1 - Frühjahr 2007

9. Antony Arnove aaO

10. Connection e.V.: Rundbrief "KDV im Krieg", September 2006

11. USA Today, 3/7/2006

12. vgl. John Foran und Joe Conti: Toward a Sociology of U.S. Foreign Policy. Januar 2006. www.historiansagainstwar.org/hawconf/schedule.html

13. Michael Meacher: The US Transnational Companies are Taking Over - and They’ll Benefit for Years to Come. The Times (U.K.), 16. August 2005

14. siehe Wendell Berry: A Citizen’s Response to the National Security Strategy of the United States. Orion, März/April 2001

15. http://nationalpriorities.org, Stand vom 5. Mai 2007

16. John Foran und Joe Conti aaO

17. www.bundeswehr.de

18. Rundbrief "KDV im Krieg", Offenbach/M., September 2005

19. Rundbrief "KDV im Krieg", Offenbach/M., Mai 2005

20. Rundbrief "KDV im Krieg", Offenbach/M., Juli 2004

21. The New York Times vom 18. März 2005

22. USA Today aaO

23. The New York Times, aaO

Dieser Beitrag erschien in: Connection e.V. (Hrsg.): Broschüre "USA: Stimmen gegen den Krieg", Offenbach/M., Mai 2007, 40 Seiten A 4. Wir bedanken uns für die finanzielle Förderung durch die Bertha-von-Suttner Stiftung und das Pfarramt für Friedensarbeit der ev. Kirche Hessen-Nassau

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